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Wer am ersten Mai in Berlin ist wird merken, dass dieser Tag nicht wie jeder andere ist. Die Straßen sind voller Menschen, alle trinken vormittags schon Bier, überall hört man Musik, die Menschen demonstrieren – es herrscht eine regelrechte Festivalstimmung in der Stadt. Aber warum feiern und demonstrieren die Menschen? Wir erzählen euch heute, woher die Feiern am ersten Mai kommen und werfen einen Blick auf die Vorgeschichte des Events.

WAS IST DER 1. MAI?

Ursprünglich kommt der Feiertag am ersten Mai von der Arbeiterbewegung in Nordamerika im Jahre 1886. Am ersten Mai 1886 wollten Arbeiter mit Hilfe eines Generalstreiks den 8-Stunden-Arbeitstag durchsetzen. Damals war es normal 12 Stunden am Tag für einen Durchschnittstageslohn von nur drei US Dollar zu arbeiten. Diese schlimmen Arbeitsbedingungen  verursachten Proteste in der Arbeiterklasse und schnell kam es zu Demonstrationen und Straßenkämpfe mit der Polizei. In Chicago hielt August Spies – Chefredakteur der „Arbeiter Zeitung“- am ersten Mai 1886 eine kritische Rede auf dem Haymarkt und motivierte damit viele Streiks und Demos. Er und sieben weitere Anarchisten wurden daraufhin wegen Verschwörung gegen das Regime festgenommen und Spies wurde kurz darauf erhängt. Um den Opfern des Haymarket Riots zu gedenken wurde der erste Mai 1889 zum internationalen Kampftag der Arbeiterbewegung ernannt und von da an auf der ganzen Welt jedes Jahr gefeiert.

WAS IST DER 1. MAI IN BERLIN?

Auch in Deutschland ist der erste Mai ein gesetzlicher Feiertag und wird auch als Tag der Arbeit oder Maifeiertag bezeichnet. An diesem Tag wird auf internationaler Ebene den Rechten der einfachen Werktätigen gedacht. Aus diesem Grund finden am ersten Mai auch Demonstrationen statt, die für die sozialen Rechte und Werte der Arbeiterklasse einstehen. In Berlin Kreuzberg findet seit  1987 zu diesem Anlass jedes Jahr ein Stadtfest auf dem Lausitzer Platz statt. Im Jahr 1987 erreichte der erste Mai in Berlin eine neue Dimension, als im Stadtteil Kreuzberg 36 linksradikale und linke Demonstranten zu den „Revolutionären 1. Mai Demonstrationen“ auf die Straße gingen und es zu heftigen Unruhen und Auseinandersetzungen mit der Polizei kam. Hausbesetzer, Autonome und Antifa-Anhänger demonstrierten gegen Krieg, Kapitalismus und für soziale Werte, griffen teilweise Polizisten an, plünderten Supermärkte und kleinere Geschäfte und wurden im Gegenzug  von der Polizei mit Schlagstöcken und Tränengas angegriffen. Die Ausschreitungen gingen so weit, dass sich die Polizei ab 23 Uhr die ganze Nacht über aus Kreuzberg zurückzog.

Damit ihr die besondere Rolle des Stadtteils Kreuzberg 36 in Hinblick auf die Demonstrationen am ersten Mai nachvollziehen könnt, werfen wir kurz einen Blick zurück auf die Geschichte des Kiezes.

WAS IST „KREUZBERG 36“?

Vor 1993 bestand Kreuzberg aus zwei Teilen: Kreuzberg 36 und Kreuzberg 61, welche auch SO 36 (süd-ost  36) und SW 61 (süd-west 61) genannt wurden. Der beliebte Club „SO36“ auf der Oranienstraße im Herzen vom ehemaligen Kreuzberg 36 trägt auch deshalb seinen Namen. Die Bezeichnungen kommen daher, dass die Bereiche vor Einführung der Postleitzahlen als Postzustellbezirke „1000 Berlin 61“ und „1000 Berlin 36“ bezeichnet wurden. Kreuzberg 61 galt schon immer als bürgerlicher und wohlhabender als Kreuzberg 36, welches ärmer, rebellischer und kulturell vielfältiger war und ist. Daher kam auch der Berliner Spruch „36 brennt, 61 pennt“.

Zwischen 1966 und 1977 entwickelte die Stadt Berlin den Plan den gesamten Bezirk SO36 abzureißen um Platz für eine neue Autobahnstraße und ein großes Autobahnkreuz am Oranienplatz zu schaffen. So wurden ganze Straßen entmietet und dem Verfall überlassen. Schöne Altbauten wurden abgerissen um Platz für einen riesigen Neubaublock am Kottbusser Tor zu schaffen, welcher als Lärmschutz vor der Autobahn dienen sollte.  Während dieser Zeit wurden vor allem ärmere und alternative Bevölkerungsgruppen, wie Gastarbeiter, Arbeitslose, Studenten und Künstler, von dem Viertel angezogen. Häuser wurden besetzt und es gab extrem günstige Mietwohnungen, da diese aus schlechter Bausubstanz bestanden oder recht bald abgerissen werden sollten. So siedelten sich auch viele türkische Immigranten in Kreuzberg 36 an und alteingesessene Berliner verließen das Viertel, wenn sie es sich leisten konnten.  Dank der vielen Hausbesetzungen in dieser Zeit (z.B. auf der Oranienstraße) wurden Altbauten vor dem Abriss bewahrt und prägen noch heute das schöne Straßenbild des attraktiven Ausgehviertels rund um die Oranienstraße.

Die geplante Autobahn wurde zwar nie realisiert, doch bewirkte die Planung, dass in Kreuzberg 36 eine bunte Mischung von Menschen verschiedenster Kulturen wohnt und es eine große alternative und kreative Szene gibt. Auch die Studentenproteste 1968 im SO36, welche zu Hausbesetzungen und Straßenschlachten mit der Polizei führten, zogen viele Studenten, Künstler und Linke an und machten das Kiez zum Treffpunkt der alternativen Szene.

Wenn ihr zu Besuch in Berlin seid lohnt sich ein Ausflug in das Szeneviertel rund um die Oranienstraße auf jeden Fall bei Tag oder Nacht, da es dort eine bunte Vielfalt an interkulturellen Restaurants, urigen Kneipen, verrückten Clubs und kleinen Läden gibt. Im Neubaublock am „Kotti“ findet ihr jetzt Szenebars und Kneipen, wie zum Beispiel das gemütliche Lokal „Café Kotti“. Mit der U-Bahn U1 könnt ihr vom Industriepalast aus in nur 5 Minuten zur Haltestelle „Kottbusser Tor“ fahren und seid gleich mitten im Szeneviertel. Wenn ihr mit dem Fahrrad unterwegs seid könnt ihr eine schöne Kieztour durch Kreuzberg unternehmen, welche euch auch am Kotti vorbeiführt. Mehr Infos zur Fahrrad-Kieztour, welche von uns mit entwickelt wurde, findet ihr hier.

Nun da ihr wisst, was am ehemaligen Kreuzberg 36 so besonders ist, geht’s wieder zurück zum Thema erster Mai und zur Frage:

Wie entwickelte sich der 1. Mai nach 1987?

Seit dem 1. Mai 1987 fanden die Revolutionären 1. Mai Demonstrationen weiter jährlich in Kreuzberg statt, wobei sie sich jedes Jahr auf aktuelle Themen bezogen. Im Jahr 1989 warfen Demonstranten auf dem Stadtfest am Lausitzer Platz mit Steinen und wurde von der Polizei mit Tränengas, Wasserwerfern und Steinen zurückgedrängt. Die Ausschreitungen waren in jenem Jahr fast noch heftiger als 1987.  1990 waren die Demonstrationen von dem Motto „Lieber raus auf die Straße als heim ins Reich!“ geprägt, was sich auf den wachsenden Nationalismus in Deutschland nach der Wiedervereinigung bezog. In den darauffolgenden Jahren Anfang der 90er wurde das Ost-West Verhältnis während der Demos thematisiert und es kam zu gewalttätigen Konflikten aufgrund von Meinungsverschiedenheiten.

Ab 2000 wurden die Demonstrationen immer ruhiger und die Polizei unterstützte verstärkt alternative Veranstaltungen für den ersten Mai. So entstand 2003 zum Beispiel das „Myfest“, welches der Gewalt und den Unruhen am ersten Mai entgegen wirken soll. Und tatsächlich kam es mit der Zeit zu weniger Ausschreitungen und Straßenschlachten. Die Veranstaltung richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche und steht für ein friedliches Fest mit friedlichen Besuchern. Das „Myfest“ findet rund um die Oranienstraße statt, welche als Zentrum der damaligen Ausschreitungen galt, und lockt die Besucher mit live Musik, kulturellen Veranstaltungen und allerlei leckerem Essen und Trinken.

Der erste Mai ist und bleibt ein historisch wichtiger und besonderer Tag für Berlin Kreuzberg. Wer im Berliner Frühling Lust auf Musik, Menschen und Festivalstimmung mit etwas Krawall hier und da hat, sollte uns am 1. Mai also auf jeden Fall besuchen.

Bis bald!

Eure Norma

Bloggerin und Rezeptionistin im Industriepalast

Simon Reuter (Blogger)

Simon Reuter (Blogger)

ist Wahlberliner aus Überzeugung und vielgereister Backpacker aus Leidenschaft. Als Rezeptionist erlebt er das Hostel-Leben an vorderster Front, als Blogger leitet er seit 2014 den Berlin-Blog des Industriepalast Hostels.
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is Berliner by choice and a passionate backpacker himself. As a receptionist he knows the real hostel life; as a blogger he's been writing for Industriepalast Hostel's Berlin blog since 2014.
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