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Clubs und Bühnen, Street Food und Straßenkunst – die ganz große Spielwiese im Industriecharme: Das RAW-Gelände, kurz für Reichsbahnausbesserungswerk, an der Warschauer Straße hat sich in vielerlei Hinsicht zum (sub-)kulturellen Mittelpunkt von Berlin-Friedrichshain entwickelt. In unserer Mini-Serie Mythos RAW stellen wir euch das RAW-Gelände in Nachbarschaft unseres Industriepalast Hostels vor, mit all seinen Besonderheiten und Angeboten, seiner Geschichte und dem, was wir für die Zukunft erwarten können. Diese Woche geht’s los mit Teil 1 zur Geschichte und Zukunft des Areals:

RA-Was?

Das RAW-Gelände ist ein mehrere Hektar großes ehemaliges Industriegelände an der Warschauer Straße. Wo früher Eisenbahnen repariert wurden reihen sich heute Clubs und Konzerthallen an Ateliers, Sporthallen und Street-Food-Märkte. Nirgends sonst ist der alternativ-rotzige, aber immer kreative Charme von Berlin-Friedrichshain so lebendig wie hier zwischen unsanierten Fabrikhallen und bunt besprayten Ziegelmauern. Das RAW-Gelände hat seinen Namen vom früheren Reichsbahnausbesserungswerk, das bis in die 1990er Jahre hier seinen Standort hatte, und erstreckt sich entlang des Simon-Dach-Kiezes von der Warschauer Straße bis zur Modersohnbrücke.

Ganz große Eisenbahn

Noch bevor Deutschland ein eigener Nationalstaat wurde, gründete man hier 1867 die Königlich-Preußische Eisenbahnwerkstatt II, um dem stetig wachsenden Wartungsbedarf an Loks und Güter- wie Personenwaggons gerecht zu werden. Die Gegend um die heutige Warschauer Straße war damals noch ein dünn besiedelter Außenbezirk der preußischen Hauptstadt Berlin. Erst nach Ende des erste Weltkriegs 1918 erhielt das Areal den Namen Reichsbahnausbesserungswerk, kurz RAW – das Kürzel hat sich bis heute gehalten. Rund 1.200 Menschen arbeiteten damals hier an der Instandhaltung von Eisenbahnen. Zum 100-jährigen Jubiläum des mittlerweile zur DDR gehörenden Werks erhielt der Betrieb zu Ehren eines von den Nazis ermordeten kommunistischen Politikers den Zunamen Franz Stenzer, den man heute noch manchmal in Verbindung mit dem Areal hört. Erst nach dem Mauerfall wurde im wiedervereinigten Deutschland die schrittweise Stilllegung der Werks bis 1995 angekündigt

Traum und Tempel

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Kaum waren die meisten Betriebe vom Gelände verschwunden, begannen die umtriebigen Kreativgeister der subversiven Berliner Hausbesetzerszene ihre Fühler nach dem Areal auszustrecken. Immer wieder entstanden informelle Projekte, Ateliers, Kunst- und Veranstaltungsräume, bevor der von Anwohnenden und Interessierten gegründete Kulturverein RAW-Tempel 1999 ganz offiziell einige Gebäude anmietete und damit soziokulturellen Projekten mit interkulturellem Schwerpunkt ein festes Zuhause gab. Neben Ateliers, Galerien und offenen Werkstätten entstanden eine Skaterhalle und ein Kletterzentrum sowie erste Clubs und Konzertvenues. Über das erste Jahrzehnt des neuen Milleniums hinweg prägte das RAW-Gelände mit den Tempel-Projekten und anderen, nach und nach eröffneten Nachtclubs die Entwicklung des ganzen Stadtviertels vom heruntergekommenen Problembezirk zum hippen Szenekiez. Die Sport- und Begegnungsangebote gaben dem dicht besiedelten Kiez ein kreatives Zentrum und der schäbig-charmante Ruf der Nachtclubs lockte mehr und mehr Berliner auch von jenseits der Stadtteilgrenzen auf das ehemalige Werksgelände.

Ballermanns Rache und eine vage Zukunft

Auch an der ganz großen Utopie des Kreativparadieses RAW-Gelände gingen die Veränderungen in der Nachbarschaft nicht spurlos vorüber. Steigende Mieten und eine generelle Aufwertung des Kiezes, auch durch immer neue Bars, Restaurants und Nachtclubs, riefen schnell die Investoren auf den Plan, die hier lukrative Geschäftsmöglichkeiten schlummern sahen. Während die benachbarte Simon-Dach-Straße sich zur wilden Partymeile, gerade auch für Reisende aus aller Welt, wandelte (etwas zynisch wird sie inzwischen oft “Ballermanns Rache” genannt) wurde das RAW-Gelände 2007 teilweise an mehrere private Investoren verkauft. Sofort begannen wilde Spekulationen über Bebauungs- und Nutzungskonzepte; von Luxusappartements, einer Eventhalle oder gar Bürotürmen war die Rede. Der Widerstand der Kulturschaffenden auf dem Areal und der Anwohner war groß, auch sorgten rechtliche Streitigkeiten für einen Stillstand der Planungen. Den Kreativköpfen hinter den vielen RAW-Projekten war das nur allzu recht, und so entstanden bis zuletzt immer neue Ideen und Projekte auf der Spielwiese zwischen Industrieruinen.

Was bleibt, was wird

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Erst im April 2015 wurden weite Teile des Areals erneut verkauft, diesmal an einen Immobilienunternehmer, der sogleich versicherte, das Gelände solle “seine Grundlegende DNA behalten”. Konkret heißt das, dass die bunte Wunderwelt auf dem RAW-Gelände uns wohl noch eine ganze Zeit lang erhalten bleibt. Dennoch werden sicherlich viele der alten Fabrikgebäude nach und nach saniert werden, wie viele der bisherigen Projekte sich dann die steigenden Mieten noch leisten werden können, ist fraglich. Gerade deshalb gilt es aber, die bestehenden Angebote und Abenteuer auf dem einzigartigen Gelände gerade jetzt noch zu genießen, erkunden und bestaunen. Was das RAW-Gelände euch bei Tag und Nacht alles zu bieten hat, erfahrt ihr im nächsten und übernächsten Teil unserer Mini-Serie übers RAW-Gelände.

Unserer Meinung nach steht das RAW-Gelände mit seinen vielfältigen, kreativen, bunten und interkulturellen Angeboten geradezu sinnbildlich für den so ganz einzigartigen Berliner Stadtteil Friedrichshain. Außerdem macht es einfach irre viel Spaß, die unzähligen Möglichkeiten und Wunder des Areals immer wieder neu zu entdecken. Und vom Industriepalast Hostel ist es ja wirklich nur einen Katzensprung entfernt.

Viel Spaß wünscht euch

euer Simon

Blogger im Industriepalast Hostel

Simon Reuter (Blogger)

Simon Reuter (Blogger)

ist Wahlberliner aus Überzeugung und vielgereister Backpacker aus Leidenschaft. Als Rezeptionist erlebt er das Hostel-Leben an vorderster Front, als Blogger leitet er seit 2014 den Berlin-Blog des Industriepalast Hostels.
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is Berliner by choice and a passionate backpacker himself. As a receptionist he knows the real hostel life; as a blogger he's been writing for Industriepalast Hostel's Berlin blog since 2014.
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