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Die ebenso berühmten wie umstrittenen KÖRPERWELTEN-Ausstellungen des Plastinators Gunther von Hagens haben seit diesem Jahr ein permanentes Zuhause mitten in Berlin gefunden: Das Menschen Museum am Alexanderplatz. Die Dauerausstellung eröffnet euch faszinierende Einblicke in den menschlichen Körper, bringt aber auch ethische und moralische Fragen mit sich. Ob sich der Besuch lohnt, erfahrt ihr hier.

Tote Körper und lehrreiche Kunst

Was uns hier im Sockel des berühmten Fernsehturms am Alexanderplatz in Berlin erwartet, ist ein nicht ganz alltäglicher Anblick. Schon im Eingangsbereich des Museums steht man hier dem liegenden Körper eine jungen Frau gegenüber, nackt nicht bis auf, sondern bis unter die Haut: Jeder Muskel, jede Sehne sind zu erkennen, darunter das Knochenskelett, dazu Arterien, Bindegewebe, Knorpel. Was wir hier sehen ist der Körper eines echten Menschen, nach einer speziellen Technik plastiniert und damit für Jahrhunderte konserviert. Für den einen ist es lehrreiches Studienobjekt, anderen erscheint es als ästhetisches Kunstwerk; viele stören sich aber auch an der ihnen unerträglichen Zurschaustellung toter Körper. Sicher ist: unberührt lässt die Auseinandersetzung mit den Körperplastinaten niemand.

Der Anatom Gunther von Hagens hat diese Art der Plastination seit den späten Siebzigern entwickelt und tourt seit nunmehr 20 Jahren mit den daraus entstandenen KÖRPERWELTEN-Ausstellungen durch die ganze Welt. Immer dabei: ein Heer von Kritikern und erklärten Gegnern des Ausstellungskonzepts, das ihren Vorstellungen vom angemessenen Umgang mit dem Tod zu radikal entgegensteht. Dennoch zogen die verschiedenen Ausstellungen bislang bereits rund 40 Millionen Besucher weltweit an, was KÖRPERWELTEN zur erfolgreichsten Wanderausstellung überhaupt macht.

Der Blick auf sich selbst

Im 2015 neu eröffneten Menschen Museum nun zeigt eine Dauerausstellung mehr als 200 Exponate, darunter etwa 20 Ganzkörperplastinate. Auf übersichtlichen Informationstafeln und mit Hilfe des mehrsprachigen Audio-Guides lassen sich die verschiedensten Körperteile, Organe und Funktionen des menschlichen Körpers ausführlich entdecken – Biologie-Lehrer können von einem derart anschaulichen Anatomie-Unterricht nur träumen. Trotzdem liegt der klare Impuls der Ausstellung im Blick des Besuchers auf sich selbst. Die verschiedensten Facetten des Lebens werden betrachtet, Glück und Unglück, Maßlosigkeit und Bescheidenheit, Druck und Ausgleich. Im Blick auf gesunde und kranke Organe wird der Einfluss des persönlichen Lebenswandels auf den Körper unverkennbar und die Ganzkörper-Exponate helfen, das gelernte im Großen und Ganzen zu verorten.

Vor allem aber muss sich der Besucher hier ganz unvermeidlich den großen, essenziellen Fragen der eigenen Existenz stellen: Woher stamme ich, was bedeutet meine Körperlichkeit in der Welt, und, noch vor allem anderen: die Frage nach dem Tod. Für manche mag die bloße Gegenüberstellung mit echten toten Körpern schon eine Grenzerfahrung sein, gerade wenn es um sensible Themen wie Schwangerschaft und Geburt geht. Ein Vorhang trennt diesen Bereich vom Rest der Ausstellung aber ab, wer sich diese Begegnung also nicht zutraut, kann ganz einfach vorbeigehen.

Letztlich bleibt dann aber bei allen Exponaten zu bemerken, dass die einzigartigen Plastinations-Techniken von Hagens in ihrer Ästhetisierung und Konservierung den Körper schließlich doch in vielerlei Hinischt “entmenschlichen”. Mitunter muss man sich den Umstand, dass man es hier tatsächlich mit toten Körpern zu tun hat, erst wieder ins Gedächtnis rufen, so clean, plastikartig und irgendwie schön wirken die Ausstellungsstücke. Die Spiegelwirkung auf die eigene physische Existenz funktioniert trotzdem: Nach eingehender Betrachtung einer von Teerablagerungen und Krebs zerfressenen Lunge bekommt die nächste Zigarette einen besonders üblen Beigeschmack.

Unbedingt besuchen? Ja und nein.

Sollte man die Ausstellung nun also besuchen oder nicht? Die Antwort ist ein eindeutiges: Kommt darauf an! Wer sich mit dem Anblick offener Wunden oder menschlicher Leichen grundsätzlich schon sehr schwer tut oder sich von der öffentlichen Zurschaustellung toter menschlicher Körper in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlt, sollte das Menschen Museum meiden. Wer sich den Besuch zutraut, der sollte sich einfach selbst ein Bild der KÖRPERWELTEN machen. Lehrreich ist die Ausstellung allemal und indem sie den Blick auf die eigene Körperlichkeit lenkt, ungewöhnlich berührend. Ein einzigartiges Erlebnis ist der Besuch im Menschen Museum in jedem Fall. Auch für Jugendliche und Kinder kann der Besuch spannend und sehr informativ sein, allerdings ist hier eine ausführliche und behutsame Vor- und Nachbereitung unerlässlich. Eltern und Lehrer finden auf der Website des Menschen Museum vielfältige entsprechende Angebote, unter anderem einen detaillierten Leitfaden für den Besuch mit Kindern und Jugendlichen, sowie ein spannendes Anatomie-Quiz für Schulklassen. Wer eine solche leitet, hat zusätzlich die Möglichkeit, das Menschen Museum kostenlos vorab zu besichtigen. Denn gerade für Schülerinnen und Schüler kann der Besuch bei guter Vorbereitung eine spannende Ergänzung zum Biologieunterricht darstellen.

Die Dauerausstellung hat täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet, Tickets inklusive Audio-Guide kosten 14 € (Kinder: 9 € / Studenten: 12 €). Für Gruppen und Familien gibt es gesonderte Angebote. Vom Industriepalast Hostel erreicht ihr das Menschen Museum in gut zehn Minuten mit der S-Bahn bis Alexanderplatz. Weitere Infos, Antworten auf häufige Fragen und viel spannendes Material zur Ausstellung findet ihr online unter www.memu.berlin.

Simon Reuter (Blogger)

Simon Reuter (Blogger)

ist Wahlberliner aus Überzeugung und vielgereister Backpacker aus Leidenschaft. Als Rezeptionist erlebt er das Hostel-Leben an vorderster Front, als Blogger leitet er seit 2014 den Berlin-Blog des Industriepalast Hostels.
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is Berliner by choice and a passionate backpacker himself. As a receptionist he knows the real hostel life; as a blogger he's been writing for Industriepalast Hostel's Berlin blog since 2014.
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