Vinyl Berlin

Machen wir einen Versuch. Stell dir folgendes vor: Ein nacktes Baby taucht in einem Pool mit einer Dollar-Note. Vier Männer überqueren einen Zebrastreifen in London. Ein Lichtstrahl bricht sich an einem Prisma in seine Spektralfarben. Na, woran denkst du? Ganz klar: Album-Cover. Egal ob Nirvanas “Nevermind”, “Abbey Road” von den Beatles oder Pink Floyds “Dark Side of the Moon” – ikonische Plattencover haben in der jüngeren Musikgeschichte oft ähnliche tiefe Spuren hinterlassen wie die Songs auf den Tonträgern. Dieser spannenden Wechselwirkung von Musik und Fotografie auf den Plattenhüllen des 20. Jahrhunderts widmet sich die Ausstellung Total Records: Vinyl & Fotografie, die seit Kurzem im Fotografiemuseum C/O Berlin zu sehen ist.

“Ich kaufe viel aus Neugierde”, sagte Bruce Springsteen einmal, “ich kaufe, wenn mir das Album-Cover gefällt, kaufe wenn mir der Name der Band gefällt, alles, was meiner Fantasie Flügel verleiht.” Kein Wunder: oft ist die Gestaltung der Plattenhülle, ist das Titelbild allein schon ein Kunstwerk, das dann aber doch nur in seiner Funktion als Label für ein großartiges Musikalbum seine kongeniale Wirkung entfaltet. Ein legendäres Album braucht ein legendäres Coverbild, dafür gibt es unzählige Beispiele in der Musikgeschichte. Und dabei wurde so manches Plattencover fast genauso oft kopiert, zitiert oder neu interpretiert wie die Musiktracks, für die es steht.

Es ist somit wenig verwunderlich, dass sich viele bekannte Fotografinnen und Fotografen des 20. Jahrhunderts mit ihren Werken auf den Album-Hüllen großer Bands verewigten. Anton Corbijns bestechenden Schwarz-Weiß-Bilder von U2 für “Joshua Tree” sind ähnlich berühmt wie die Singleauskopplungen des Albums. Cindy Lauper, die für “She’s so unusual” barfuß in einer Fotografie von Annie Leibovitz tanzt. Oder Jeff Walls intimes Portrait von Iggy Pop für dessen Album “Avenue B”, sie alle haben sich tief ins kollektive Gedächtnis von Musikliebhabern eingebrannt und haben ihren Teil dazu beigetragen, dass Vinylplatte und Analogfotografie zu tragenden Medien des 20. Jahrhunderts wurden.

Mit rund 500 Exponaten zeigt das C/O Berlin die spannende Ausstellung zum ersten Mal in Deutschland und geht in verschiedenen Themenfeldern den einzigartigen Beziehungen zwischen Fotokünstlern und Musikern auf den Grund. Manch renommierter Fotograf wurde um seine Dienste gebeten, manchmal wühlten sich die Bands einfach durch die bestehende Bildgeschichte; und manchmal entstanden langjährige, fruchtbare Zusammenarbeiten. Musik und Fotografie stehen dabei oft in einem inhaltlichen Zusammenhang, nehmen ironisch Bezug aufeinander, oder suchen durch provokante Darstellungen bewusst den Skandal oder die Meinungsmache. Anderswo bot die Schallplattenhülle Künstlern die Leinwand für experimentelle Verfahren und neue Techniken, etwa in Form von Andy Warhols gelber Siebdruckbanane auf dem Debütalbum von The Velvet Underground. In Zeiten von Streaming-Portalen und Musikdownloads hat das Plattencover viel an seiner Bedeutung verloren. Umso größer zu bemessen ist der Beitrag, den die laufende Ausstellung hinsichtlich der Dokumentation dieses künstlerischen Wechselspiels leistet, das die Popkultur der 1960er bis zu den 2000ern nachhaltig prägte.

Die Ausstellung Total Records: Vinyl & Fotografie ist bis zum 23. April 2017 im C/O Berlin im Amerika-Haus unweit des Bahnhof Zoologischer Garten zu sehen. Ihr könnt sie täglich von 11 bis 20 Uhr besuchen, der Eintritt kostet 10€ (ermäßigt: 6€). Alle weiteren Infos zur Ausstellung findet ihr auf der Website. Ihr bekommt direkt Lust, euch selbst mal wieder durch einen Berg Platten zu wühlen? Dann schaut doch mal bei unseren Top 5 Plattenläden in Berlin vorbei.

Rock on!

euer Simon

Blogger @IndustriepalastHostel