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Provinzdörfer an der Spree, Kulturmetropole in den 20ern, zerstört, geteilt und wiedervereinigt, und heute wieder gefeierte Millionenstadt im Herzen Europas. Berlins Gesichter sind so wechselhaft wie seine Geschichte. Viele, die die Stadt mehr oder weniger gut kennen, tun sich oft schwer damit, Berlin in ein einheitliches Bild zu fassen, zu beschreiben, was die Stadt im Ganzen ausmacht. Fest steht: Berlin ist einzigartig und besonders, und voller Widersprüche – ein kurzer Spaziergang offenbart Gegensätze zwischen neu und alt, Ost und West, zwischen glänzend und heruntergekommen. Weil die deutsche Hauptstadt einst aus vielen kleinen Städten zusammenwuchs sucht man noch heute ein einzelnes, offensichtliches Zentrum vergebens. Vielmehr zeigen sich die vielen Facetten Berlins in den unterschiedlichen Bezirken und Stadtteilen, und selbst dort in den einzelnen Kiezen – kleinen Nachbarschaften mit starker Eigenidentität und sozialem Zusammenhalt. Wir wollen euch die verschiedenen Bezirke Berlins in unserer neuen Serie näher bringen und die besondere Geschichte, den Flair und Geist dieser spannenden Räume beleuchten. So könnt ihr hier bei uns im Industriepalast Hostel Blog Woche für Woche eine spannende Reise quer durch die Hauptstadt unternehmen. Und natürlich beginnen wir diese Reise vor der eigenen Haustür: in Friedrichshain.

Szene und Leben zwischen Gestern,…

Einstmals heruntergekommenes DDR-Arbeiterviertel, heute angesagtes Szeneviertel. Natürlich gewachsene Kiez-Strukturen treffen auf das wildeste Nachtleben Deutschlands voll feierwütiger Menschen aus aller Welt. Kreative Nachbarschaftsprojekte und Kunstaktionen stehen Gentrifizierung und Großbauprojekten gegenüber. Friedrichshain ist ein Ort der Gegensätze, und seine besondere Entwicklung steht irgendwie stellvertretend für die der deutschen Hauptstadt.

Was als kleine Ortschaften rund um das mittelalterliche Fischerdorf Stralau begann, wuchs im 19. Jahrhundert zu einem Industriegebiete voll dampfmaschinenbetriebener Fabrikhallen und Mietskasernen für die Arbeiter*innen. Die damalige Stralauer Vorstadt wuchs beständig nach Osten und war dank mehrere Bahnhöfe schon damals gut an den Rest der immer größer werdenden preußischen Hauptstadt angebunden. Erst 1920, im Rahmen der Neuaufteilung Groß-Berlins nach Ende des ersten Weltkrieges wurde der eigenständige Bezirk Friedrichshain geschaffen, benannt nach dem gleichnamigen Volkspark hier. Weil hier in den hohen Wohnhäusern aus der Gründerzeit hauptsächlich Arbeiterfamilien lebten, war Friedrichshain eine Hochburg der Sozialdemokraten und Kommunisten. Den erstarkenden Nationalsozialisten war das freilich ein Dorn im Auge und es kam immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und heftigen Übergriffen. Ein Mitglied der rechten Schlägertruppe SA, Horst Wessel, kam dabei Anfang der 1930er Jahre ums Leben und wurde in der Folge von den Nazis als eine Art Märtyrer stilisiert. Unter Hitler wurde der ganze Stadtteil gar in Bezirk Horst-Wessel umbenannt.

Während der Luftangriffe auf Berlin im zweiten Weltkrieg wurden weite Teile des Stadtteils in Schutt und Asche gelegt. Als Teil des Ost-Sektors der Stadt gehörte es nach dem Krieg zur DDR und grenzte ab 1961 direkt an die Berliner Mauer. Für die vielen obdachlos gewordenen Familien wurde schnell wieder Wohnraum gebaut, und auch eines der prestigeträchtigsten Bauprojekte der jungen DDR wurde hier realisiert: Die sogenannten Stalin-Bauten an der Karl-Marx-Allee. Ab den 1970er waren es dann vor allem große Plattenbauten aus Beton, die hier in den Himmel wuchsen. Lediglich die Kieze rund um Simon-Dach-Straße und Boxhagener Platz sowie der Samariterstraße behielten ihre charmante Altbau-Struktur.

Nach dem Mauerfall kam die große Flucht: Viele der in den heruntergekommenen Altbauten wohnhaften DDR-Bürger*innen zog es entweder in den Westen, oder aber in frei gewordene modernere Wohnungen im Osten. Was zurückblieb war ein Haufen Leerstand – und ungeahnte Freiräume. (Leben-)Künstler*innen, Punks, Musiker*innen, junge Kreative zogen einfach ein und blieben, ohne Mietvertrag in teilweiser Anarchie. Diese Hausbesetzerszene, zum Teil aus dem alternativ geprägten nahen Kreuzberg hergezogen, prägte und gestaltete den Stadtteil in den 1990er Jahren und festigte jenen Ruf Friedrichshains als urbaner Kreativspielplatz, dem auch heute noch Millionen Besucher*innen jedes Jahr folgen. Einige dieser natürlich gewachsenen Kulturprojekte haben bis heute überlebt, etwa das einzigartige RAW-Gelände an der Revaler Straße. Und noch jemand fand sein Zuhause in den leerstehenden Wohn- und Industriegebäuden hier im “Wilden Osten” Berlins: Die junge Techno-Szene der wiedervereinigten Stadt fühlte sich hier pudelwohl und einige der legendärsten Techno-Clubs und elektronischen Musiklabels entstanden hier, wie etwa dem Berghain-Vorgänger Ostgut. Die Mauer, welche Friedrichshain vom benachbarten Westbezirk Kreuzberg trennte, wurde überwiegend eingerissen. Lediglich ein besonders bunt und wertvoll bemaltes Stück blieb unverändert stehen: Die heutige East Side Gallery.

…Heute,…

Um die Jahrtausendwende begann ein anderer Wind zu wehen in Ostberlin. Investoren aus dem In- und Ausland erkannten das Potential der zentrumsnahen Brachen und Leerstands-Ruinen und sahen eine goldene Zukunft – für Friedrichshain und ihren eigenen Geldbeutel. Das gigantische Stadtentwicklungsprojekt “Media-Spree” wurde dabei zum Kampfbegriff der erhitzten Gemüter: Internationale Medienkonzerne sollten in Form topmoderner Bürokomplexe entlang der Ostberliner Spree angesiedelt werden. Die, welche schon seit Vorwendezeiten hier lebten, und jene, die Friedrichshain in den 1990er zum Kreativ-Mekka gemacht hatten, waren sich plötzlich einig: Die Angst vor Verdrängung und Gentrifizierung, und vor einer Zerstörung der natürlich gewachsenen Strukturen ging um.

Verwirklicht wurden die Bauprojekte nur zum Teil, wobei Friedrichshain seit nunmehr fast 20 Jahren einer einzigen gigantischen Baustelle gleicht – mit Krans auf Großbrauprojekten an jeder Ecke.

Gleichzeitig entdeckte die weite Welt wieder einmal Berlin – als Reiseziel oder als günstigen Zufluchtsort für anderswo verdrängte Künstler, Kreative oder auch Firmengründer. Insbesondere Friedrichshain galt als sicherer Hafen für alternative Lebensformen, Subkultur und natürlich: Techno-Musik. Auf diese Weise entstand ein dichtes Netz aus weltberühmten Nachtclubs wie Berghain, Bar 25 (heute: Kater Blau), Salon zur Wilden Renate oder Suicide Circus. Der Altbau-Kiez rund um den Boxhagener Platz wurde zum Szenetreff, mit Boutiquen, Cafés und Geschäften. Die benachbarte Simon-Dach-Straße wuchs zur Amüsiermeile heran, mit Bars und Restaurants, die zwischenzeitlich so viele Feierwütige Berlin-Besucher*innen anzogen, dass schon von “Ballermanns Rache” die Rede war.

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…und Morgen

Friedrichshain ist also ein Stadtteil, der seit eh und je von Veränderung und Wandel geprägt war. Viele der gegenwärtigen Qualitäten des Szene-Kiezes bauen auf die zur Zeit der Hausbesetzer und Lebenskünstler gewachsenen Strukturen auf, das fulminante Nachtleben und eine noch immer lebendige Kreativkultur bestimmen das (Selbst-)Bild des Stadtteils. Aber längst sind auch neue Akteure auf den Plan getreten: Am Spreeufer, rund um die Mercedes-Benz-Arena entsteht derzeit ein komplett neues Stadtviertel, mit Shopping-Malls, Entertainment-Betrieb und Bürotürmen. Friedrichshain wird sich also weiter verändern und schon in 10 Jahren ein gänzlich anderes Bild abgeben als heute. Wie viel von dem anarchischen Kreativleben dann noch übrig bleibt, wird sich zeigen. In vielerlei Hinsicht spiegelt sich dabei in der Entwicklung des Stadtteils zwischen Oberbaumbrücke und Alexanderplatz die Entwicklung der gesamten deutschen Hauptstadt. Schon deshalb solltet ihr euch bei eurem Berlin-Besuch in jedem Fall ausreichend Zeit nehmen, um gemütlich und flexibel die Straßen und Plätze dieses faszinierenden Mikrokosmoses zu erkunden.

Eure gemütliche und stilvolle Unterkunft mitten in Friedrichshain ist das Industriepalast Hostel direkt an der Warschauer Straße. Fragt nach einem Zimmer in den oberen Stockwerken und genießt einen unvergleichlichen Panoramablick über Friedrichshain. Kostprobe gefällig? Der Blick aus dem 5. Stock:

5thFloor

 

Bildnachweis: Datei: #88815946 | Urheber: parallel_dream – fotolia

Simon Reuter (Blogger)

Simon Reuter (Blogger)

ist Wahlberliner aus Überzeugung und vielgereister Backpacker aus Leidenschaft. Als Rezeptionist erlebt er das Hostel-Leben an vorderster Front, als Blogger leitet er seit 2014 den Berlin-Blog des Industriepalast Hostels.
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is Berliner by choice and a passionate backpacker himself. As a receptionist he knows the real hostel life; as a blogger he's been writing for Industriepalast Hostel's Berlin blog since 2014.
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