Kreuzberg

Provinzdörfer an der Spree, Kulturmetropole in den 20ern, zerstört, geteilt und wiedervereinigt, und heute wieder gefeierte Millionenstadt im Herzen Europas. Berlins Gesichter sind so wechselhaft wie seine Geschichte. Viele, die die Stadt mehr oder weniger gut kennen, tun sich oft schwer damit, Berlin in ein einheitliches Bild zu fassen, zu beschreiben, was die Stadt im Ganzen ausmacht. Fest steht: Berlin ist einzigartig und besonders, und voller Widersprüche – ein kurzer Spaziergang offenbart Gegensätze zwischen neu und alt, Ost und West, zwischen glänzend und heruntergekommen. Weil die deutsche Hauptstadt einst aus vielen kleinen Städten zusammenwuchs sucht man noch heute ein einzelnes, offensichtliches Zentrum vergebens. Vielmehr zeigen sich die vielen Facetten Berlins in den unterschiedlichen Bezirken und Stadtteilen, und selbst dort in den einzelnen Kiezen – kleinen Nachbarschaften mit starker Eigenidentität und sozialem Zusammenhalt. Wir wollen euch die verschiedenen Bezirke Berlins in unserer neuen Serie näher bringen und die besondere Geschichte, den Flair und Geist dieser spannenden Räume beleuchten. So könnt ihr hier bei uns im Industriepalast Hostel Blog Woche für Woche eine spannende Reise quer durch die Hauptstadt unternehmen. Diese Woche begeben wir uns ans verruchte Ende West-Berlins, in den berühmt-berüchtigten Stadteil Kreuzberg.

Alles geht auch anders

Während am Kottbusser Tor ein türkischstämmiger Gemüsehändler seine Waren anpreist, wühlen sich nur eine Straße weiter ein paar Langzeitstudenten in bestem Hipster-Outfit durch die Kisten eines Vintage-Plattenladens. Lange Schlangen wartender Menschen stehen sich vor Mustafas Gemüsedöner und Curry 36 geduldig die Füße platt und im Görlitzer Park wechseln ein paar Gramm Gras den Besitzer, während Investoren in einer Altbauwohnung darüber beraten, wie man die schicke Dachgeschosswohnung am gewinnbringendsten an reiche Yuppies vermieten könnte. Ob in den Straßencafés in der Bergmannstraße, den arabischen Wettbüros am Kottbusser Damm, den Coworking-Spaces am Schlesischen Tor oder auf dem Streetfood-Markt in der Markthalle Neun – überall wird Kaffee getrunken, entspannt gelacht und geredet, sodass so mancher amerikanische Tourist schon verwundert die Frage gestellt hat: “Does anybody actually work in this town?”

Wir befinden uns in Kreuzberg, dem vielleicht bekanntesten und lange Zeit auch berüchtigtsten Stadtteil Berlins. Kreuzberg steht für alternative Lebensstile, für Multi-Kulti und Vielfalt, Kunst, Toleranz und Freiheit, aber auch Armut, Verwahrlosung und Dreck. Durch die Medien geistert der Stadtteil abwechselnd als Kriminalitätsschwerpunkt oder Hipster-Paradies und während die einen von seinem subkulturellen Avantgarde-Flair schwärmen verbreiten andere Horrorgeschichten über Drogenszene und steineschmeißende Anarchisten. Was davon aber ist Kreuzberg wirklich?

Die Antwort: all das und noch vieles mehr. Es gibt kaum einen Ort auf der Welt, wo sich die scheinbar größten Gegensätze und Widersprüche zu einem derart harmonischen und stimmigen Ganzen vereinen, wie hier in Kreuzberg. Und so wie die vielen unterschiedlichen Bewohner*innen der Kreuzberger Kieze dem Stadtteil tausend verschiedene Gesichter geben, so hat auch jede noch so unterschiedliche Perspektive auf den Ort seine Berechtigung und Richtigkeit. Am Besten ist es, man nimmt sich viel Zeit und einen sonnigen Tag und macht sich auf einem ausgedehnten Spaziergang selbst ein Bild.

Immer schon alternativ

Obwohl heutzutage mitten in der Hauptstadt gelegen, was Kreuzberg wie so viele andere Bezirke auch einst eine Siedlung vor den Toren Berlins gewesen. Erst mit dem enormen Bevölkerungszuwachs im 19. Jahrhundert wurde es Teil der Stadt. Am Ende des zweiten Weltkrieges wurden viele Gebäude in den furchtbaren Straßengefechten schwer beschädigt, darunter auch der Görlitzer Bahnhof, der später abgerissen wurde und dem heutigen Görlitzer Park Platz machte. Nach dem Krieg wurde Kreuzberg dem amerikanisch besetzten Sektor zugesprochen, wobei der östliche Teil sich einer Halbinsel gleich tief ins sowjetische Ostberlin hinein zog. Dieser zu drei Seiten von der Berliner Mauer umgebene Abschnitt wurde nach dem alten Postzustellbezug SO 36 von der Bevölkerung nur Kreuzberg 36 genannt und war aufgrund seiner Lage für die Westberliner Stadtentwickler*innen ein wenig interessanter Raum, daher zogen vor allem Einkommensschwache in die oft etwas heruntergekommenen Altbauten: Gastarbeiterfamilien, Student*innen, Lebenkünstler*innen und Musiker*innen. So entstand hier ein einzigartig diverser Mix aus Kulturen, Sprachen und Lebensmodellen. Politisch stand man hier zumeist weit links, Gesellschaftskritik war an der Tagesordnung und was man nicht kannte, musste ausprobiert werden. Ob Studentenproteste in den 60ern, Friedensbewegung und freie Liebe in den 70ern oder die Punks der 80er Jahre – Kreuzberg war anders, alternativ, dagegen und wild. Ein ausuferndes Nachtleben, Drogenexzesse und freiheitliche Anarchie gefielen natürlich den konservativen Kreisen weniger, und so kam es immer wieder zu heftigen Zusammenstößen zwischen den Hütern der öffentlichen Ordnung und den Kreuzberger Freigeistern, insbesondere im Rahmen der berüchtigten Protestkundgebungen am 1. Mai. Nach dem Mauerfall sah es für einige Zeit so aus, als würden die Kreativköpfe der Kreuzberger Szene sich in die fast schon rechtsfreien Freiräume der Ostbezirke Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Mitte weiterziehen, aber diese Sorge hat sich nicht bestätigt: Kreuzberg hat sich den besonderen Charme aus Kunst, Kreativität, Freiheit und Vielfalt bewahrt und lebt ihn noch heute. Wie alles in Berlin hat sich auch hier die Lage etwas ‘normalisiert’, statt Protestkundgebungen gibt es heute eher Straßenfeste wie das große MyFest, die Hausbesetzer leben inzwischen in regulären Mietwohnungen und viel dreckiger als Anderswo ist es auch hier nicht. Aber dennoch ist Kreuzberg, oder wie es heute oft geschrieben wird: Xberg, sich im großen und ganzen treu geblieben und ist auch heute noch einer der faszinierendsten Räume der Hauptstadt.

Kanal Kreuzberg

So viel zu entdecken

Und das merkt man oft schon beim allerersten Besuch: Wunderschöne Altbaufassaden mit faszinierenden Graffitis, punkige Kneipen und linksalternative Nachtclubs, dazwischen kleine Modeboutiquen, Indie-Musiklabels, multikulturelles Miteinander und lange Sommertage mit Joint und Späti-Bier im Görlitzer Park. Wer bereit ist, sich für alternative Lebenskultur zu öffnen, der findet hier ein Paradies der Freiheit.

Im Westen finden sich mit dem neuen Gleisdreieck-Park und dem namensgebenden Kreuzberg (Viktoriapark) wunderschöne Grünanlagen und einige kleine Schätze, wie die Blues-Kneipe Yorckschlösschen, gleich nebenan auf dem Mehringdamm finden sich mit Curry 36 und Mustafas Gemüsedöner die zwei bekanntesten Street-Foot-Veteranen Berlins. Die Bergmannstraße und der Kiez drumherum sind bekannt für charmante Restaurants und Straßencafés mit Pariser Flair, während im Norden mit dem Potsdamer Platz, dem Checkpoint Charlie und dem Jüdischen Museum bekannte Sehenswürdigkeiten liegen. Spannend wird es im alten Kreuzberg 36 rund um Kotti (Kottbusser Tor), Oranienstraße und Görli(Görlitzer Park), wo Subkultur und alternative Szene noch heute das Bild prägen. Weiter östlich, rund ums Schlesische Tor findet sich im Wrangelkiez ein buntes Treiben aus Cafés, Kneipen, Restaurants und Hipster-Lifestyle. Geheimtipp: Der Landwehrkanal an der Grenze zu Nachbarbezirk Neukölln gehört zu den schönsten Orten der Hauptstadt – besonders im Sommer, wenn hier Straßenmärkte stattfinden, das Ufer mit entspannt plaudernden Stadtteilbewohner*innen gesäumt ist und Straßenmusiker*innen den Sonnenuntergang untermalen. Schaut auch ruhig mal auf dem Kottbusser Damm vorbei und macht Euch einen Eindruck vom vielfältigen türkischen und arabischen Leben in der Hauptstadt – inklusive der besten Falafels, Schawarmas und Baklavas in ganz Mitteleuropa!

Kurz gesagt: Kreuzberg ist aus vielen Gründen einen Besuch wert! Nehmt euch Zeit, ein Kaltgetränk vom Späti und Freunde oder Reisebekanntschaften mit und erkundet in aller Ruhe zu Fuß oder auf dem Fahrrad diesen einzigartigen Frei- und Lebensraum.

 

Simon Reuter (Blogger)

Simon Reuter (Blogger)

ist Wahlberliner aus Überzeugung und vielgereister Backpacker aus Leidenschaft. Als Rezeptionist erlebt er das Hostel-Leben an vorderster Front, als Blogger leitet er seit 2014 den Berlin-Blog des Industriepalast Hostels.
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is Berliner by choice and a passionate backpacker himself. As a receptionist he knows the real hostel life; as a blogger he's been writing for Industriepalast Hostel's Berlin blog since 2014.
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