Berlin

Provinzdörfer an der Spree, Kulturmetropole in den 20ern, zerstört, geteilt und wiedervereinigt, und heute wieder gefeierte Millionenstadt im Herzen Europas. Berlins Gesichter sind so wechselhaft wie seine Geschichte. Viele, die die Stadt mehr oder weniger gut kennen, tun sich oft schwer damit, Berlin in ein einheitliches Bild zu fassen, zu beschreiben, was die Stadt im Ganzen ausmacht. Fest steht: Berlin ist einzigartig und besonders, und voller Widersprüche – ein kurzer Spaziergang offenbart Gegensätze zwischen neu und alt, Ost und West, zwischen glänzend und heruntergekommen. Weil die deutsche Hauptstadt einst aus vielen kleinen Städten zusammenwuchs sucht man noch heute ein einzelnes, offensichtliches Zentrum vergebens. Vielmehr zeigen sich die vielen Facetten Berlins in den unterschiedlichen Bezirken und Stadtteilen, und selbst dort in den einzelnen Kiezen – kleinen Nachbarschaften mit starker Eigenidentität und sozialem Zusammenhalt. Wir wollen euch die verschiedenen Bezirke Berlins in unserer neuen Serie näher bringen und die besondere Geschichte, den Flair und Geist dieser spannenden Räume beleuchten. So könnt ihr hier bei uns im Industriepalast Hostel Blog Woche für Woche eine spannende Reise quer durch die Hauptstadt unternehmen. Diese Woche gehen wir in den Teil Berlins, der am Anfang jedes Reiseführers steht – und entdecken ihn doch ganz neu: Mitte.

Das Herz der Hauptstadt

Brandenburger Tor und Reichstagsgebäude, Museumsinsel und Alexanderplatz mit Fernsehturm, Holocaust-Mahnmal und Gendarmenmarkt – wer an Berlin denkt, denkt oft an Mitte. Der historische Stadtkern der deutschen Hauptstadt glänzt durch Sehenswürdigkeiten, Touristenattraktionen und Shopping-Möglichkeiten. Wer sich jedoch abseits der “klassischen Must-Dos” bewegt und hinter die glatten Fassaden der neuen Hochglanz-Hauptstadt blickt, findet eine vielfältige Welt aus Kunst-Szene und Subkultur, interessante Communities und alternativ geprägte Orte, wie man sie viel eher in Kreuzberg erwartet hätte. Hier zwischen Tiergarten und Alexanderplatz lohnt es sich also durchaus, etwas tiefer zu bohren und zweimal hinzugucken.

Wo alles begann

Die historischen Wurzeln des heutigen Berlins reichen zurück ins Hochmittelalter, als einfache Fischer auf einer Sandbank inmitten der Spree siedelten. Der Name Fischerinsel zeugt noch heute von diesen Ursprüngen. Über die Jahre entstanden hier zwei eigenständige kleine Städte: Cölln auf der Spreeinsel und (Alt-)Berlin am benachbarten Flussufer. Schon 1307 bekamen beide ein gemeinsames Rathaus und die nun geeinigte Stadt Berlin wuchs schnell zu einem wichtigen Zentrum im mittelalterlichen Brandenburg. Bis ins 19. Jahrhundert kamen mit Friedrichswerder, Dorotheenstadt, der Spandauer und Stralauer Vorstadt und Luisenstadt mehr und mehr zunehmend dichter besiedelte Stadtviertel dazu. Der heutige Stadtteil Mitte stellte seinerzeit das ganze Stadtgebiet dar, während jetzige zentrale Stadtteile wie Charlottenburg, Wilmersdorf oder Schöneberg noch eigene Städte waren. Die Rolle der historischen Mitte als Zentrum der preußischen Hauptstadt Berlin belegen die bedeutsamen Bauten aus verschiedenen Jahrhunderten, etwa Königspaläste und das Stadtschloss, Opernhäuser und Theater, später auch Bildungseinrichtungen wie die Humboldt-Universität und natürlich die Museen auf der Museumsinsel. Nach der deutschen Teilung wurde Mitte Teil Ost-Berlins und damit der Hauptstadt der DDR. Ein Großteil der historischen Bebauung war im Krieg zerstört worden, daher entstanden ganze Stadtviertel aus modernen Betonbauten, insbesondere rund um den modernistischen Alexanderplatz. Lediglich im Norden des Stadtteils blieb die alte Struktur intakt – hier befinden sich noch heute wunderschöne Altbauten aus den Gründerjahren. Der Mauerfall und der folgende Exodus vieler DDR-Bürger*innen nach Westdeutschland sorgte für einigen Leerstand in Mitte, der vielerorts zu Hausbesetzungen und der Aneignung durch die kreative Szene führte. Kreativprojekte wie das mittlerweile leider geräumte Tacheles prägten den Berliner Kulturbetrieb der 90er Jahre maßgeblich.

Stil, Prunk und ein bisschen Punk

Und heute? Scheint Mitte fest in der Hand von Weltpolitik, Tourismus und dem ganz großen Kommerz. Ländervertretungen und Botschaften, Luxushotels für die Reichen und Wichtigen, dazu Niederlassungen großer Corporations sorgen für ein entsprechendes Flair. Die enorme Dichte an weltbekannten Sehenswürdigkeiten und Museen lockt jedes Jahr Millionen von Besucher*innen in Berlins zentralstes Viertel. Und Shopping-Paradiese wie der Alexanderplatz oder die Boutiquen zwischen Hackescher Markt und Rosenthaler Platz tun ihr Übriges. Doch Mitte hat noch so einiges mehr zu bieten: Etwa die Kunstszene rund um die Galerie-Meile Auguststraße, wo sich in den letzten 25 Jahren einige der einflussreichsten Galerien Europas angesammelt haben. Oder die unverändert lebendige jüdische Szene, vor allem rund um die Neue Synagoge. Ein echtes Kleinod sind die die Hackeschen Höfe im Scheunenviertel, mit ihrer wunderbaren Jugendstil-Architektur und einer Reihe netter Cafés und Boutiquen. Und direkt nebenan beweist das bunt-verlodderte Haus Schwarzenberg, dass anarchisch-künstlerische Freiräume noch existieren, selbst hier in Mitte. Wer Abends ausgehen möchte, kann natürlich auf die bekannte Ausgehmeile Oranienburger Straße zurückgreifen. Es lohnt sich aber durchaus auch, die Kneipen und Lokale in der Torstraße und rund um den Rosenthaler Platz auszuprobieren, hier ist man zumeist unter Berliner*innen und Expats. Östlich vom Alexanderplatz, entlang der Karl-Marx-Allee sieht Mitte dann plötzlich aus wie Moskau, mit Betonriesen und imposanten Wohnpalästen im Zuckerbäckerstil (“Stalin-Bauten”); außerdem finden sich hier architektonische Blüten aus der DDR-Zeit wie etwa das Café Moskau oder das Kino International.

Zeit nehmen

Wo also anfangen, wenn man Mitte entdecken möchte? Am Besten mit der Free Walking Tour von Sandemans, die fast stündlich am Brandenburger Tor beginnt. In gut 3 Stunden hat man dann die meisten “klassischen” Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt gesehen und dazu noch eine ganze Menge gelernt. Und dann? Spazierengehen! Mitte lässt sich hervorragend “erlaufen”, am besten vom Regierungsviertel aus über Friedrichstraße und Oranienburger Tor zum Hackeschen Markt, weiter Richtung Rosenthaler Platz und über die Torstraße grob Richtung Alexanderplatz. Und dabei unterwegs in all die Galerien und Boutiquen, halb versteckten Hinterhöfe und kleinen Ecken hineinschauen – die Seele von Mitte verbirgt sich nämlich genau hier, hinter den schicken Fassaden.

Bildnachweis: Datei: #179691275 | Urheber: netsign – fotolia

Simon Reuter (Blogger)

Simon Reuter (Blogger)

ist Wahlberliner aus Überzeugung und vielgereister Backpacker aus Leidenschaft. Als Rezeptionist erlebt er das Hostel-Leben an vorderster Front, als Blogger leitet er seit 2014 den Berlin-Blog des Industriepalast Hostels.
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is Berliner by choice and a passionate backpacker himself. As a receptionist he knows the real hostel life; as a blogger he's been writing for Industriepalast Hostel's Berlin blog since 2014.
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