Open

Ein paar Kurzzeit-Hochs in Folge erfolgreicher Kinofilme wie Inside Llewyn Davis oder Oscar-Gewinner Once konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Live-Musik-Kneipen nicht mehr so ganz dem Geschmack der Zeit entsprechen. Das romantische Bild von einem Singer-Songwriter auf einem einsamen Barhocker in der Mitte der winzigen Bühne eines verrauchten Keller-Pubs mag sich erhalten haben, aber in Zeiten von Techno, Stadion-Tourneen und Helene Fischer sind Kneipenbühnen nicht mehr wirklich angesagt. Und genau das ist der Grund, warum sie so wunderbar sind: keine prätentiösen Hipster, keine durchgestylten Fashionistas auf der Suche nach der sogenannten Avantgarde, keine aufgedrehten Teens, die ihre Unsicherheiten in billigen Cocktails zu den Plastik-Beats eines austauschbaren Popsternchens zu ertränken suchen. Musik-Kneipen sind der vergessene Hafen der handgemachten Musik, die Heimat all jener, die sich in einem Song verlieren können. Und nichts fängt die Essenz dieser einfachsten aller Musikkulturen so ein, wie Open Stages. Ambitionierte Musiker*innen spielen neben schüchternen Debütant*innen, teilen ihre Musik mit einer Handvoll anderen Klangschaffenden und Musikliebhaber*innen für nichts als eine Runde Applaus und ein Bier aufs Haus. Als Musiker*in findest du hier Kolleg*innen fürs nächste Projekt und du kannst deinem neuen Material den Bühnen-Test geben, für den die große Bühne noch zu heikel ist. Wenn du zum Zuhören gekommen bist, könnte jeder Auftritt den nächsten Jeff Buckley bringen – oder einfach nur einen besoffenen Typen, der drei Akkorde kennt. Es ist dieses Überraschungs-Potenzial, die intime Atmosphäre und die einzigartige Mischung aus versteckten Talenten und möglicher Blamage, die offene Bühnen zur letzten Bastion der handgemachten Musik in einer Welt des industrialisierten Mainstreams machen. Egal ob klassischer Singer-Songwriter-Abend, jazzige Jam-Session oder knallharter Rap-Battle, die Open Mics in Berlin bieten etwas für jeden Geschmack – und das die ganze Woche lang. Hier findest du eine Open Stage für jeden Abend:

Montag: Barkett Open Mic (Schöneberg)

Die gemütliche Kiezkneipe Barkett im berüchtigten Schöneberger Arbeiterviertel Rote Insel ist nur einen Katzensprung von dort entfernt, wo Iggy Pop und David Bowie Anfang der 80er ihre Bude hatten. Neben dem guten Kaffee verdankt die Bar ihre Bekanntheit vor allem dem montäglichen Open Mic. Drums und ein Piano stehen bereit und Musiker*innen dürfen jedwedes Instrument mitbringen, das sie tragen können, inklusive elektronischer Effektgeräte wie Loop-Stationen. Vom Stil her dominieren meist klassische Singer-Songwriter, aber theoretisch ist jedes Genre willkommen. Um selbst aufzutreten musst du den Hosts mindestens eine Woche im Voraus eine Nachricht über ihre Facebook-Seite zukommen lassen, dort erfährst du auch wer beim nächsten Termin Feature Artist ist. Dadurch ist die offene Bühne im Barkett vielleicht nicht so spontan und ungezwungen wie andere, dafür ist die Qualität der Beiträge üblicherweise sehr hoch – definitiv einen Besuch wert.

|   Barkett Open Mic, Montags ab 20:30 Uhr. Barkett, Czeminskistr. 10, Berlin Schöneberg   |

Dienstag: The SWAG Jam at Badehaus (Friedrichshain)

Die Berliner Hip-Hop-Szene ist spätestens seit den frühen Aggro-Jahren berüchtigt – aktuell treibt sich ja so mancher Rapper sogar öffentlichkeitswirksam mit dem organisierten Verbrechen herum. Doch auch musikalisch passiert nach wie vor viel und eines der wichtigsten Sprungbretter für junge Talente ist der SWAG Jam jeden Dienstag im Badehaus. Mitten auf dem sagenumwobenenen RAW-Gelände gelegen, besteht ein Abend hier traditionell aus einem Set vom jeweiligen Feature Artist, gefolgt von einer offenen Bühne, für alle die sich trauen, ihre Skills zu zeigen.

|   The SWAG Jam, Dienstags ab 21 Uhr. Badehaus, Revaler Str. 99 (RAW-Gelände), Berlin Friedrichshain   |

Mittwoch: Laksmi Acoustic Open Stage (Kreuzberg)

Der Geheimtipp für die vielleicht schönste Open Stage der Stadt: Laskmi ist eine kleine Kiez-Kneipe, deren Besitzerin Silke hier im Viertel aufgewachsen ist und ihr Kunstgeschäft vor ein paar Jahren in einen gemütlichen Hafen für durstige Seelen verwandelte. Das Besondere: die Acoustic Open Stage an jedem Mittwoch ist komplett unplugged – was für eine sehr intime Atmosphäre zwischen Performer und Publikum sorgt. Host Lucas ist selbst talentierter Songschreiber und sein übliches Eröffnungs-Set allein ist den Besuch schon wert. Danach kann so ziemlich alles passieren: Mississippi-Blues auf der Gitarre, geistreiche Liedermacher, inspirierende Spoken-Word-Performances oder ein junger Tom Waits am bereitstehenden Klavier. Musiker*innen können sich spontan auf die Liste setzen lassen und das Publikum ist die vielleicht wahrmherzigste, liebevollste Familie, die du in Berlin finden wirst. Eine ganzheitliche Erfahrung.

|   Acoustic Open Stage, Mittwochs um 20 Uhr (Sign-Up eine halbe Stunde früher). Laksmi, Wrangelstr. 93, Berlin Kreuzberg   |

Donnerstag: Ofen Mic (verschiedene Locations Neukölln/Kreuzberg)

Ofen Concerts ist eine Konzertreihe, die in verschiedenen, üblicherweise gemütlich kleinen Bars und Cafés in Berlin stattfindet. Der Ableger Ofen Mic findet jeden Donnerstag an wechselnden Orten statt, meist jedoch im Bereich von Neukölln und Kreuzberg. Da die Künstler*innen ein paar Hörproben vorab einsenden müssen, können die Hosts eine richtige Dramaturgie für den Abend zusammenstellen, inklusive speziell ausgewählter Beiträge zur Eröffnung und zum Abschluss. Hohe Qualität!

|   Ofen Mic, Donnerstags um 19:30 Uhr. Verschiedene Orte, mehr Infos hier   |

Freitag: Dodo Open Stage (Kreuzberg)

So wie der ebenso liebenswerte wie ausgestorbene Vogel, scheint Dodo in Kreuzberg wie eine Erinnerung an eine einfachere, weniger prätentiöse, dafür aber stets betrunkene und wilde Vergangenheit. Die Gründer Harald und Rolf haben einen Ort geschaffen, an dem alles passieren kann, zu jedem Zeitpunkt – so lange es unterhaltsam, ein bisschen verrückt und vor allem authentisch ist. Höhepunkt der Woche ist die freitägliche Dodo Open Stage, die der Kneipe bescheidenen Ruhm unter Musiker*innen auf der ganzen Welt eingebracht hat. Warum das so ist? Finde es am besten selbst heraus!

|   Dodo Open Stage, Freitags ab 20 Uhr. Dodo, Großbeerenstr. 32, Berlin Kreuzberg   |

Samstag: Late Night Jazz Session A-Trane (Charlottenburg)

Das A-Trane gehört zweifelsohne zu den bekanntesten und einflussreichsten Jazz-Clubs in ganz Europa. Herbie Hancock hat hier gespielt, genau wie Brad Mehldau oder Till Brönner. Samstags gegen Mitternacht, wenn das jeweilige Konzert zu Ende ist, treffen sich die besten Jazzer Berlins auf der kleinen Bühne und jammen was das Zeug hält. Die Late Night Jazz Session gilt als eine der besten Jazz-Jam-Sessions der Welt. Sogar der Eintritt ist kostenlos – vorausgesetzt man findet noch einen Platz: mit gut 100 Gästen ist der kleine Club bereits am Limit.

|   Late Night Jazz Session, Samstagnacht ab ca. 0:30 Uhr. A-Trane, Pestalozzistr. 105, Berlin Charlottenburg   |

Sonntag: Kindl-Stuben Open Mic Sunday (Neukölln)

Am Ende eines durchfeierten Wochenendes gibt es nichts besseres als eine ordentliche Katermahlzeit in einer entspannten Kneipe mit guten Leuten und frisch gezapfter Musik. All das findest du in den Kindl-Stuben auf der Neuköllner Sonnenallee. Die bodenständige Küche kann sich sehen (und schmecken) lassen, das überwiegend einheimische Publikum hat meist gute Laune und die offene Bühne ist so, wie man sich eine offene Bühne wünscht. Bist du auf der Suche nach einer aufregenden Avantgarde-Erfahrung im künstlerischen Berlin, dann bist du hier fehl am Platz. Wenn du einen unvergesslichen Abend mit echten Berliner*innen erleben willst, dafür genau richtig. Willkommen zuhause!

|   Open Mic Sunday, Sonntags ab 19:30 Uhr. Kindl-Stuben, Sonnenallee 92, Berlin Neukölln   |

Bildnachweis: Foto von Shebeko | ID: 183137940 – depositphotos.com

Simon Reuter (Blogger)

ist Wahlberliner aus Überzeugung und vielgereister Backpacker aus Leidenschaft. Als Rezeptionist erlebt er das Hostel-Leben an vorderster Front, als Blogger leitet er seit 2014 den Berlin-Blog des Industriepalast Hostels.
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is Berliner by choice and a passionate backpacker himself. As a receptionist he knows the real hostel life; as a blogger he's been writing for Industriepalast Hostel's Berlin blog since 2014.

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